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Der letzte Dampfsaurier 

- und so begann es!

 

2020 war ein Jahr des Umbruchs: Persönlich, beruflich und verschärft durch die Corona-Pandemie. Alles würde anders werden, gravierend und nahezu zeitgleich. Und nichts davon war positiv. Das zehrte an der Substanz, weckte längst verschollen geglaubte Gefühle und Verhaltensweisen. Ich suchte nach einem wirksamen Antidepressivum. Nicht das Gerede in Therapien, nicht die Pharmazeutika und nicht die finale Amokfahrt mit möglichst vielen Kollateralschäden. Den Gefallen wollte ich „denen“ nicht tun. Wer auch immer „die“ sind. (Ich befürchte, „DIE“ jibbet gar nicht.)

(M)ein Antidepressivum wurde „Der letzte Dampfsaurier“. Die Geschichte entstand nach einer Ausschreibung für das „Storycenter“ in 2011. Michael Haitel suchte Steampunk-Kurzge-schichten.  Etwas später schränkte er den Inhalt etwas ein: In den Geschichten müsse der Vatikan auftauchen. Ich hatte in den 80er ein paar Kurzgeschichtenversuche in Fanzins namens „Supernova“ und „Almagest“ veröffentlicht. Unbemerkt, unbedeutend und heute eher unleserlich. Zu viel Lektüre von Carl Amery, aber auch Grass´ „Rättin“ veranlassten mich zu Schachtelsätzen mit falschem Bezug und Überlänge. Doch 2011 waren Lust und Laune erwacht, es nochmal zu versuchen. Als die Geschichte beinahe fertig vorlag, kam die Wendung mit dem Vatikan und ich versäumte den Abgabetermin. Leben. Beruf, Pflege und Aufschieberitis kamen mal wieder dazwischen.  

 

Da ich ab 2019 aufgrund einer Pflegesituation nicht mehr mal einfach über Nacht von zuhause fortbleiben konnte, nutzte ich die Zeit, ein weiteres Steckenpferd zu reanimieren: Marionettenbau. Da kam die Ästhetik des Steampunks gerade recht und ich hing die ersten Puppen ans Spielkreuz. Noch ohne konkrete Idee. Auch bastelte ich an einer Kulisse und Requisiten eines viktorianisch angehauchten Salons. Und da ich immer noch gerne fotografierte und moderne Spiegelreflexkameras auch filmen können, wuchs langsam eine Idee: Statt auf Steampunk- und SF- Conventions nur Reportagen zu präsentieren, sollte es doch gelingen, auch mal eine multimediale Lesung abhalten zu dürfen. Filmeinspieler, der Auftritt einiger Marionetten, Comic-Szenen und schnöde Lesung würden schnell 45 Minuten füllen. Ein Experiment und ein Neuanfang.  Und da kam mir meine alte Geschichte ganz recht.

 

So überstand ich den depressiven, langen, kalten Winter in Corona-Isolation 20/21. Ich werkelte an Figuren, Kulissen und Requisiten. Nicht immer mit Erfolg, aber einiges war vorzeigbar. Nur mit den Comic-Einblendungen stand ich auch Kriegsfuß. Malen kann ich nicht, selbst mit Tricks und Unterstützung durch Photoshop und einem reichhaltigen Fundus an Bildmaterial. Da ich unter keinerlei Zeit- und Budgetdruck stand, fiel mir die Entscheidung leicht: Alles würde in einen Kurzfilm münden, die multimediale Lesung war passé.  Und wenn schon depressiv, dann aber auch alleine, ohne Unterstützung, ein Ego-Tripp. Ich sprach zunächst alle Rollen für eine Testversion, unterlegte diese mit Skizzen und Standbildern und wenigen Aufnahmen aus dem viktorianischen Salon. Ein kleines Testpublikum animierte mich: Mach´ weiter. 

Anfang 2021 drohte plötzlich Aufruhr im Fandom. Ein personeller Wechsel bei einem hochwertigen Magazin stand an, dem Nachfolger wurde Rechtsradikalismus unterstellt. Der Amtsinhaber goss kräftig Öl ins Feuer, bis er mal wieder loderte: Der Scheiterhaufen zur Hexenverbrennung. Da im Netz die Digitalisierung längst abgeschlossen ist, nämlich die binäre Unterscheidung in Eins und Null, Links oder Rechts, Gut und Böse brannte der Haufen plötzlich lichterloh und die Flammen griffen auch auf den SFCD über. Denn Michael Haitel war auch für das vom Wechsel betroffene Magazin zuständig und wurde in den Strudel von Beleidigungen, Verleumdungen oder Besserwisserei gesogen. Konsequent gafiierte (get away from it all) er und mit ihm eine weiter Säule des SFCDs. Das hatte gravierende Auswirkungen auf mein Projekt. Gerade den Winter überstanden und Dank anstehender Impfungen wieder mit einem Hauch von Optimismus gesegnet, geriet eine Säule meines zukünftigen Lebensplanes ins Wanken: Mein Engagement im SFCD, den Andromeda Nachrichten und im Fandom. Schwarzweißmalerei, Hexenjagden und Besserwisserei sind nicht mein primäres Interesse, einer Szene anzugehören. Und erst recht nicht gravierende Humorlosigkeit.

Was hat dies mit dem Marionettenfilm „Der letzte Dampfsaurier“ zu tun? Nun, ich hatte eigentlich vordergründig eine simple Geschichte um Verrat und Intrigen beabsichtigt. Auf einer zweiten Meta-Ebene war das Projekt auch ein Rückblick auf meine Beschäftigung mit der Science Fiction über mehr als 45 Jahre. Ich zitierte Highlights und Enttäu-schungen und rechnete für mich persönlich ab, bevor mein letztes Lebensviertel anbrechen sollte. Die Begeisterung für Star Trek, Star Wars oder Perry Rhodan konnte ich nicht wieder reanimieren. Konsequenterweise hängte ich drei durchaus erkennbare Totenschädel als Trophäen in meinen Salon. Das Thema war durch. Die aktuelle Hexenjagd im Fandom verschärfte allerdings den Ton. Denn anfangs versuchte ich noch mehrheitlich ironisch zu erzählen. Doch schlich ein sarkastischer bis zynischer Unterton in den Film. Und so musste auf einer dritten Ebene alles dran glauben, was mir mindestens auf den Geist ging: Die Anarchie und Hetze der sog. sozialen Medien, der Umgang der Menschen miteinander in Zeiten der Pandemie, das binäre Denken ohne Zwischentöne. Dazu parodierte ich wenige ausgesuchte Marotten von Menschen im näheren Umfeld und nahm die neuen Ersatzreligionen (Apple, Tesla, bedingungsloses Grundeinkommen, Extremismus jeglicher Art, Gendern) auf die Schippe. 

Gerne hätte ich zunächst den Film abgedreht, mit Sprechern aus dem Fandom vertont und dann auf Stammtischen und Cons oder you tube bereitgestellt. Danach hätte ich mal nachgefragt, ob die Kurzgeschichte hinter dem Film nicht auch für die Andromeda Nachrichten geeignet wäre, vielleicht sogar in drei Teilen. Da Michael Haitel nur noch eine letzte Ausgabe der Andromeda Nachrichten publizieren würde, war allerdings die Zukunft dieses Magazins ungewiss. Würde es weiter bestehen und dürfte ich dann dort ohne Zensur veröffentlichen? Schnell schrieb ich mein Drehbuch um und fragte mal nach, ob so etwas überhaupt jemand drucken und lesen würde. Die Antwort war sehr eindeutig und positiv und nach schnellen, letzten Korrekturen ging die Post ab, ergänzt durch Szenen-Fotos. Es war also Eile geboten war, denn Paranoia und Misstrauen quälten mich. Und so warte ich auf die letzte Ausgabe der Andromeda Nachrichten alter Form und den potenziell aufkommenden Fäkalsturm eines humorlosen, digitalen Fandoms auf der Jagd nach neuen Hexern.

 

(Stand 07.07.2021)

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© Jürgen Lautner